WELT (KULTUR) ERBE

Monumente, Mythen und Magie – von der UNESCO als Welterbe ausgewiesen, dokumentieren Baudenkmäler und Traditionen die glanzvollen Zeiten einstiger Hochkulturen

 

Die Augen in die Ferne gerichtet, schweben sie im Zeitlupentempo federleicht über den Boden. Zu den Klängen von Gongs und Xylophonen zeugen biegsame Finger, gespreizte Zehen, anmutig geneigte Köpfe und bizarre Balanceakte von beachtlicher Körperbeherrschung. Die grazilen Tänzerinnen des königlichen Balletts gleichen lebendigen Nachfahren der Apsaras, die in der Khmer-Mythologie als göttliche Nymphen gelten und die Bilderfriese des berühmten Tempels Angkor Wat in Kambodscha zieren.

Auch in der ehemaligen vietnamesischen Kaiserstadt Hue besteht die Möglichkeit, Weltkulturerbe nicht nur anzuschauen, sondern hautnah zu erleben. Das kann bereits bei den täglichen Mahlzeiten beginnen – zumal die regionalen Spezialitäten oft schon zu Kaisers Zeiten aufgetischt wurden: Der im 19. Jahrhundert regierende Tu Duc hinterließ der Nachwelt mehr als 2.000 Rezepte, die noch immer manche Speisekarte komplettieren. Auch die Hofmusik von einst ist überliefert: Von den Vereinten Nationen zum immateriellen Welterbe erklärt, wird ihre Tradition sorgsam gepflegt. Alle zwei Jahre erwacht Hue verstärkt zu alter Pracht, wenn es für zwölf Tage das grandiose Hue-Festival zelebriert. Mit der Halong-Bucht (s. Seite 38) und den Höhlen von Phong Nha verfügt Vietnam sogar auch über Weltnaturerbe. Die meisten UNESCOTitel erhielt das Land in den 1990er Jahren, den sechsten und siebten erst kürzlich, als zwei Zitadellen die begehrte Auszeichnung erfuhren. Auch Kambodscha kann mit einem Welterbe-Prädikat aufwarten – einem atemberaubenden! Denn nicht ohne Grund werden die Tempelruinen von Angkor gern mit Superlativen wie „größtes Heiligtum der Welt“ oder „achtes Weltwunder“ beschrieben…

ANGKOR Kambodscha

Sie sahen sich als Mittler zwischen Himmel und Erde, um der Menschheit das mit 200 Quadratkilometern größte Kulturdenkmal Südostasiens zu hinterlassen: Die Gottkönige von Angkor schufen während ihrer Regentschaft vom 9. bis zum 15. Jahrhundert über 1.000 Tempelanlagen. Die Heiligtümer dienten auch als Grabstätten und gelten als Meisterwerke der Baukunst. Unter Suryavarman II – dem Erbauer des weltberühmten Haupttempels Angkor Wat – erreichte die Hochkultur der Khmer ihren Zenit.

HOI AN Vietnam

Wer durch die engen, stimmungsvollen Gassen des mittelalterlichen Hafenorts Hoi An streift, kann in längst vergangenen Zeiten schwelgen ... Vom 17. bis 19. Jahrhundert gehörte das einstige „Faifo“ zu den wichtigsten Handelshäfen Südostasiens. Aus dieser Epoche zeugen über 800 historische Bauten, die von der UNESCO 1999 als Weltkulturerbe gelistet wurden: prächtige Wohn- und Handelshäuser, Versammlungshallen, Tempel, Pagoden, Grabmäler und Brunnen – oder die überdachte Japanische Brücke.

HUE Vietnam

Die am Schnittpunkt von Nord- und Südvietnam liegende, ehemalige Kaiserstadt Hue gilt als landesweit wichtigste kulturhistorische Sehenswürdigkeit, sollte aber auch aufgrund ihres reizvollen Flairs jeden Reiseverlauf bereichern. Von 1802 bis 1945 Sitz der letzten Kaiser-Dynastie und im Krieg hart umkämpft, locken weitläufige Palastruinen, Tempel- und Grabanlagen zur Erkundung. Die imposante Zitadelle entstand mit Hilfe französischer Festungsbaumeister und bis zu 80.000 Arbeitern.

Wissen: Vietnam & Kambodscha

Das Welterbe der UNESCO
DAS seit 1972 gelistete Welterbe der Vereinten Nationen erschöpft sich keineswegs in historischen Baudenkmälern. Auch spektakuläre Landschaften können als Weltnaturerbe aufgenommen werden, wenn sie einen einzigartigen Charakter aufweisen. Bisher wenig bekannt ist die Auswahl bedeutender Dokumente der Menschheitsgeschichte oder – erst 2003 eingeführt – von Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Erbes. Darunter versteht die UNESCO zum Beispiel Traditionen aus Musik, Tanz und Theater, mündlich überlieferte Literaturformen wie Mythen und Erzählungen oder Formen der Handwerkskunst. Von den bis jetzt erfassten 1052  Denkmälern sind 814 als Weltkulturerbe ausgewiesen.

 

 


KLASSISCHER TANZ Kambodscha

Einst unterhielt der Tanz der Apsaras die Gottkönige, sollte ihnen und dem Volk Segen bringen – heute gilt die anmutige Bewegungskunst als einzigartiges Kulturgut und Touristenattraktion Kambodschas. Märchenhaft kostümiert, erzählen die Nachfahren der Himmelsnymphen in Phnom Penh und Siem Reap mit über 1.500 sorgsam einstudierten, grazilen Posen symbolisch vom Schicksal einer Prinzessin im Kampf gegen mystische Kreaturen, dem Mut von Kriegshelden oder auch nur von der Entstehung einer Lotusblüte.

MY SON Vietnam

Eingebettet zwischen grünen Hügeln und oft von mystischen Nebelschwaden umhüllt, erzählen die Ruinen von My Son aus gloriösen Zeiten. Erbaut wurde die Tempelstadt des legendären Königreichs Champa in der gleichen Epoche wie Angkor in Kambodscha. Erst vor 100 Jahren wiederentdeckt, staunten französische Archäologen über die raffinierte Bauweise der Monumente: Die vor Ort aus Lehm geformten Backsteine wurden einfach nur mit Baumharz verklebt, dann mit Hilfe von Feuer verfestigt und versiegelt.

PREAH VIHEAR Kambodscha

Begleitet von eindrucksvoll verzierten Toren, Höfen, Säulen, Gesimsen und Giebeln, führt eine imposante Treppenanlage über mehrere Terrassen und Galerien hinauf zum Hauptheiligtum. Einst war dieser Tempel Shiva gewidmet und der größte Sakralbau, der außerhalb Indiens zu Ehren der hinduistischen Gottheit errichtet wurde. Spektakulär ist auch die Lage: Den geografischen Verhältnissen ideal angepasst, thront der mächtige Sandsteinbau auf einem 520 Meter hohen Felsvorsprung an der Grenze zu Thailand.

 

 

SCHATTEN - THEATER Kambodscha

Wie der Apsara-Tanz wäre auch das Schatten-Theater in der Zeit Pol Pots fast verloren gegangen, doch wurde seine Wiederbelebung 2005 sogar durch Vergabe des Welterbe-Titels gewürdigt. „Sbek Thom“ entstand bereits im Lauf des 1. Jahrhunderts und galt als heilig. Die Puppen werden noch heute aus Leder gestanzt, mit Naturfarben bemalt und durch lange Bambusstangen gesteuert. Ihr Spiel berichtet von Begebenheiten des Alltags oder Epen, die oft humoristisch angelegt sind und mit einer moralischen Botschaft enden.

THANG LONG-ZITADELLE Vietnam

Bisher finden sich nur 20 von 140 Hektar der Thang Long-Zitadelle auf der Liste des Weltkulturerbes, doch es könnten mehr werden. Denn seit 2001 in Hanoi wichtige Teile des historischen Geländes wiederentdeckt wurden, sind umfassende Grabungen im Gange. Die Überreste, die von der Residenz mehrerer Kaiser-Dynastien zwischen 1010 und 1802 zeugen, haben ihren UNESCO-Status erst vor zwei Jahren erhalten. Zu den rekonstruierten Monumenten gehören das südliche Tor Doan Mon und das nördliche Tor Bac Mon.

ZITADELLE DER HO-DYNASTIE Vietnam

Dieses Monument haben erst wenige Besucher als Weltkulturerbe erkundet. Nicht nur, weil es sich fernab gängiger Reiserouten in der nördlichen Küstenprovinz Thanh Hoa verbirgt, sondern weil es den begehrten Status erst Mitte 2011 erhielt. Die Zitadelle der nur sieben Jahre währenden Ho-Dynastie wurde 1397 bis 1401 errichtet und wenig später erweitert. Der Bau erfolgte auf einer Fläche von 870 mal 880 Metern mit 20.000 Kubikmetern massiver, aus den umgebenden Bergen herbeigeschaffter Steinquader.

TIPP VIETNAM

Welterbe als Ohrenschmaus
Wie könnte sich die alte Kaiserstadt Hue authentischer erleben lassen als bei einer feierlichen Aufführung traditioneller Hofmusik? Seit dem Jahr 2003 als immaterielles Welterbe der UNESCO anerkannt – wie wenig später auch die Gong-Kultur im Hochgebirge des Landes – wird Nha Nhac während der Hochsaison täglich im restaurierten kaiserlichen Theater zum Besten gegeben. Die zeremonielle, facettenreiche Musik wurde in der Epoche der Nguyen-Dynastie bei offiziellen Empfängen, religiösen Ritualen, Krönungen, Hochzeiten oder Beerdigungen gespielt. Die hoch qualifizierten Musiker und Tänzer kamen aus dem ganzen Land nach Hue und trugen bei ihren Auftritten aufwendig gestaltete, farbenfrohe Kostüme.

 

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